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Die Guillaume-Affäre war der politisch bedeutsamste Spionagefall der deutsch-deutschen Geschichte. Am 25. April 1974 wurde mit Günter Guillaume einer der engsten Mitarbeiter des Bundeskanzlers Willy Brandt als DDR-Spion enttarnt. Brandt übernahm die politische Verantwortung und trat am 7. Mai 1974 von seinem Amt als Kanzler zurück. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Guillaume-Affäre nicht der alleinige Grund für den Rücktritt war, zumal die von Guillaume in die DDR übermittelten Informationen offenbar nicht allzu sicherheitsrelevant waren. Mit Günter Guillaume wurde auch seine mit ihm nachrichtendienstlich zusammenarbeitende Ehefrau Christel Guillaume als Spionin enttarnt.

Spionagetätigkeit Guillaumes Bearbeiten

Im Auftrag der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR reiste Guillaume als „Offizier im besonderen Einsatz“ (OibE) 1956 in die Bundesrepublik ein. Der Mitarbeiter des MfS und Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) verwendete dabei die Legende, Flüchtling zu sein. Von Beginn an war er auf die Parteiarbeit in der SPD angesetzt und profilierte sich dabei im eher konservativen Flügel in Frankfurt am Main. 1970 gelangte Guillaume als Mitarbeiter ins Bundeskanzleramt und wurde im Oktober 1972 persönlicher Referent des Bundeskanzlers in Parteiangelegenheiten. In dieser Funktion hatte er unter anderem die Parteitermine Brandts, der neben der Kanzlerschaft auch den Parteivorsitz der SPD innehatte, zu organisieren sowie den Schriftverkehr mit Parteigliederungen und Mitgliedern zu führen. Guillaume gehörte damit zum engsten Mitarbeiterkreis Brandts und war einer der wenigen, die den Kanzler auch privat und im Urlaub begleiteten.

Enttarnung Guillaumes Bearbeiten

Zur Enttarnung Guillaumes kam es kurioserweise auf Grund von Glückwünschen, die die HVA dem Ehepaar Guillaume in den fünfziger Jahren gesandt hatte. Am 1. Februar 1956 waren über Kurzwelle Geburtstagsgrüße an „Georg“, am 6. Oktober 1956 Geburtstagsgrüße an „Chr.“ und Mitte April 1957 die Nachricht: „Glückwunsch zum zweiten Mann!“ gesendet worden. Im Februar 1973 war Oberamtsrat Heinrich Schroegge vom Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz mit drei Spionagefällen beschäftigt, in denen jeweils Guillaume irgendwie auftauchte. Ein Kollege berichtete ihm von den 17 Jahre alten Funksprüchen, er überprüfte die Daten und konnte sie dem Ehepaar Guillaume zuordnen. Schroegge erstattete Meldung, woraufhin ihm die „vorsichtige Observation der Eheleute […] geraten“ wurde.

Am 29. Mai 1973 sprach der Präsident des Verfassungsschutzes Günther Nollau gegenüber dem damaligen Innenminister Genscher erstmals den Spionageverdacht gegen Guillaume an. Genscher unterrichtete daraufhin den Kanzler. Nollau bat, Guillaume vorerst in seiner Position zu belassen, um ihn zu observieren, sich ein Bild über das Ausmaß seines Verrats zu machen und weiteres Material zu sammeln. Brandt stimmte diesem Vorgehen zu und informierte nur seinen Büroleiter Reinhard Wilke und den Chef des Kanzleramts, Horst Grabert. Weder Egon Bahr als Brandts engster Berater noch Horst Ehmke, der als Graberts Vorgänger Guillaume eingestellt hatte, wurden über den Verdacht unterrichtet. Wegen der sich lange hinziehenden Ermittlungen blieb Guillaume noch relativ lange in der unmittelbaren Nähe Brandts und begleitete den Kanzler sogar noch im Juli 1973 während dessen Norwegen-Urlaubs.

Am 1. März 1974 suchten Nollau und Genscher den Kanzler auf und Nollau berichtete über die Ermittlungen gegen Guillaume. Nollau kündigte eine Verhaftung Guillaumes für die nächsten zwei bis drei Wochen an. Da gerichtsverwertbare Beweise immer noch nicht vorlagen, schlug Nollau vor, das gesammelte Material dem Generalbundesanwalt zu übergeben, damit dieser über eine förmliche Verfahrenseröffnung entscheide. Brandt unterschätzte die Brisanz der Affäre, von der er glaubte, sie werde sich verlaufen, und widmete ihr weiterhin wenig Aufmerksamkeit.

Am 25. April 1974 wurden Guillaume und seine Frau wegen Spionage festgenommen. Bei seiner Verhaftung sagte Guillaume: „Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier. Respektieren Sie das!“, schwieg aber während des restlichen Verfahrens, weil ihm die gewünschte persönliche Aussprache mit dem Bundeskanzler vom menschlich schwer getroffenen Brandt nicht zugebilligt wurde. Wegen schweren Landesverrats wurden 1975 Guillaume zu 13 und seine Frau zu 8 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die sie auf Grund eines Agentenaustausches zwischen DDR und BRD im Jahr 1981 allerdings nicht vollständig verbüßten.

Rücktritt des Bundeskanzlers Bearbeiten

Am 1. Mai 1974 erhielt Brandt von Klaus Kinkel, dem persönlichen Referenten des Innenministers Genscher, ein Dossier des Chefs des Bundeskriminalamtes, Horst Herold. In diesem Dokument waren die im Zuge der Ermittlungen gegen Guillaume protokollierten Aussagen der Sicherheitsbeamten zu Brandts Privatleben zusammengestellt.

Dies beinhaltete auch Aussagen zu Brandts Alkoholkonsum und sexuellen Affären. Guillaume soll angeblich sogar derjenige gewesen sein, der Brandt „Frauen zugeführt“ habe. Brandts Umfeld fürchtete, dass diese Details, von denen die ersten offenbar bereits an die Medien weitergegeben worden waren, im kommenden Wahlkampf vom politischen Gegner für eine Medienkampagne genutzt würden. Herold und Nollau sahen zudem das Risiko einer Erpressbarkeit der Bundesregierung mittels gezielter Indiskretion und Preisgabe pikanter Details durch die DDR. In einem persönlichem Gespräch riet Nollau daraufhin Herbert Wehner, Brandt zum Rücktritt zu bewegen.

Am Abend des 4. Mai 1974 kam es in Bad Münstereifel am Rande der turnusmäßigen Beratungen zwischen SPD und Gewerkschaften zu einem einstündigen Gespräch zwischen Brandt und Wehner. Vermutlich weil Wehner nicht ausdrücklich vom Rücktritt abriet, entschloss sich Brandt zur Demission.

Möglicherweise kam aber auch der innere Führungszirkel der SPD – und hier vor allem Wehner – zu dem Schluss, dass dem durch Depressionen, Krankheit und Alkoholprobleme geschwächten Brandt die Kraft fehlte, die zu erwartende Medienkampagne durchzustehen. Wahrscheinlich haben dabei auch die vermeintlich besseren Erfolgsaussichten der SPD im bevorstehenden Wahlkampf mit einem neuen, unbelasteten Kanzler eine Rolle gespielt. Wehner behauptete später, er hätte Brandt versichert, er würde sich im Zweifelsfalle für ihn „zerreißen“ lassen, wenn Brandt entscheide, die Sache durchzustehen. Brandt hingegen stellte es so dar, dass ihm die entscheidende Unterstützung Wehners, Helmut Schmidts und anderer versagt geblieben sei. Den letzten Ausschlag habe am Morgen die Äußerung seiner Frau, einer müsse schließlich die Verantwortung übernehmen, gegeben.

Am Morgen des 5. Mai 1974 verkündete Brandt den in Bad Münstereifel anwesenden Spitzenpolitikern der SPD seine Entscheidung, zurückzutreten. Er schrieb handschriftlich ein auf den 6. Mai 1974 datiertes Rücktrittsschreiben und übergab dies um 23.35 Uhr dem Chef des Kanzleramtes, der es dem in Hamburg weilenden Bundespräsidenten Gustav Heinemann überbrachte. Brandt übernahm damit auch die politische Verantwortung für die nachträglich als Fahrlässigkeit beurteilte Entscheidung, Guillaume nicht gleich zu verhaften. In seinem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Begleitschreiben zur Rücktrittserklärung schrieb Brandt: „Ich bleibe in der Politik, aber die jetzige Last muss ich loswerden.“

Am 7. Mai 1974 wurde der Rücktritt Brandts um 0 Uhr vom NDR bekannt gegeben. Die Nachrichtensendungen des Fernsehens zeigten am folgenden Tag eine Szene, die sich nachhaltig im kollektiven Gedächtnis etablieren sollte: In der Fraktionssitzung legt Wehner einen großen Blumenstrauß auf den Platz Brandts, der weinende Egon Bahr vergräbt sein Gesicht in den Händen.

Schmidt sagte später (im Interview bei Reinhold Beckmann), Brandts Depressionen seien der Hauptgrund für den Rücktritt gewesen. Er (Schmidt) habe „Schiss“ gehabt (wörtlich), das Amt des Bundeskanzlers zu bekleiden; er habe Brandt angeschrien, ihm gesagt, dass diese Affäre überhaupt kein Grund zum Rücktritt sei.

Politischer Fortgang Bearbeiten

Die Guillaume-Affäre fiel in die Zeit kurz nach Unterzeichnung des Grundlagenvertrages, Brandts Rücktritt erfolgte fünf Tage nach Eröffnung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR. Auch wenn die offizielle Stellungnahme der DDR-Regierung, man hätte Guillaume im Zuge der Entspannungspolitik bereits „abgeschaltet“, bezweifelt werden muss, lag der Sturz Brandts nicht im Interesse der DDR, die Brandts Ost-Politik unterstützte. Laut Darstellung von Markus Wolf, dem ehemaligen Chef der Auslandsaufklärung der DDR, war der Sturz Brandts auch zu keinem früheren Zeitpunkt beabsichtigt gewesen und wurde von der Stasi als eine große Panne betrachtet.

Im Nachgang von Brandts Rücktritt kam es zu intensiven inoffiziellen Kontakten zwischen den Regierungen der Bundesrepublik und der DDR mit dem Ziel der Schadensbegrenzung. Tatsächlich signalisierte die westdeutsche Regierung dabei der ostdeutschen, man sei zur Fortsetzung der Normalisierungspolitik bereit, sofern „künftig von den Nachrichtendiensten gewisse Grenzen eingehalten würden“, und warnte vor den „schwerwiegenden Belastungen für die zwischenstaatlichen Beziehungen“, falls nicht dafür Sorge getragen würde, dass derartiges künftig unterbliebe.

Wehner soll Schmidt mit dem Satz „Helmut, Du musst das jetzt machen“ zur Kanzlerschaft aufgefordert haben. Schmidt will von dem Ansinnen, ihn zum Kanzler zu machen, überrascht gewesen sein und sich nur widerstrebend und aus Pflichtgefühl der Aufgabe gestellt haben. Nach seiner Nominierung durch die SPD wurde Schmidt am 16. Mai 1974 zum Bundeskanzler gewählt. Brandt blieb noch bis 1987 Parteivorsitzender der SPD, was Schmidt im Nachhinein als großen politischen Fehler und Grund für sein eigenes Scheitern bezeichnet. 1994 erschienen posthum Brandts „Notizen zum Fall G“, in denen er unter anderem mit Wehner abrechnet.

QuellenlageBearbeiten

Was oder wer Brandt letztlich zum Rücktritt bewegte, gilt bis heute als nicht endgültig geklärt. Entscheidende Informationen dazu werden im so genannten „Unkeler Bestand“ aus Brandts Nachlass vermutet. Diesen konnte bislang allerdings noch kein Autor oder Journalist auswerten, da er noch von Brandt selbst gesperrt wurde.

Literatur Bearbeiten

     Gilt als Standardwerk. Brandt hat sich lange Zeit nicht öffentlich zu seinem Entschluss geäußert, aber statt dessen dem Journalisten Baring umfangreich Auskunft erteilt.
  • Hermann Schreiber: Kanzlersturz – Warum Willy Brandt zurücktrat. Econ, München 2003, ISBN 3430180546
     Eher ein Portrait Guillaumes; greift Verschwörungstheorien auf, ohne sie zu belegen. Siehe Buchbesprechung in Die Zeit und im Tagesspiegel
  • Willy Brandt: Erinnerungen. Mit den „Notizen zum Fall G“. Erweiterte Ausgabe. UTB, Berlin-Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3548364977
     In den „Notizen zum Fall G“ erhebt Brandt schwere Vorwürfe gegen Wehner, den er für seine Demission verantwortlich macht.
  • Klaus Eichner, Gotthold Schramm (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich. Edition Ost, Berlin 2003, ISBN 3360010493
  • Günter Guillaume: Die Aussage – Wie es wirklich war. Universitas, Tübingen 1990, ISBN 3800412292
  • Pierre Boom, Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Aufbau, Berlin 2005, ISBN 3746621461

Weblinks Bearbeiten

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