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MK ULTRA (auch MKULTRA) war der Codename für ein geheimes Forschungsprogramm der CIA über Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle, das von 1953 bis in die 1970er Jahre hinein durchgeführt wurde.

Als Ziel des Projekts wurde angegeben, eine perfekte Wahrheitsdroge für die Verwendung im Verhör von Sowjet-Spionen im Kalten Krieg zu entwickeln, sowie die Möglichkeiten der Gedankenkontrolle zu erforschen. In Teilen überschnitten sich die Arbeiten auch mit den Forschungen anderer US-Programme zu biologischen Waffen. Der wissenschaftliche Leiter war Dr. Ewan Cameron, die Gesamtleitung hatte Dr. Sydney Gottlieb. Die überwiegend gesundheitsschädlichen bis lebensgefährlichen Experimente wurden ohne Wissen oder Zustimmung der Versuchspersonen durchgeführt. Dazu gehörten Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, darunter Ken Kesey, der Autor des Buches "Einer flog über das Kuckucksnest". Diese Projekte entstanden vor dem Hintergrund des Antikommunismus während der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren in den USA.

Anfänge Bearbeiten

MKULTRA wurde auf Befehl des CIA-Direktors Allen Dulles im April 1953 begonnen. Es war der Nachfolger der Projekte ARTICHOKE und BLUEBIRD und wurde hauptsächlich in den USA und Kanada, aber auch in Europa betrieben. Dies war offiziell vor allem eine Reaktion auf Gedankenkontrolltechniken, die angeblich von Sowjets, Chinesen und Nordkoreanern gegen US-Kriegsgefangene im Koreakrieg eingesetzt wurden, was unter dem Namen "Brainwashing", zu deutsch: "Gehirnwäsche", bekannt wurde. Eine wichtige Motivation bildeten auch die stalinistischen Schauprozesse der 1930er Jahre und der Prozess gegen den ungarischen Kardinal Jozsef Mindszenty im Jahr 1949, bei denen die Beschuldigten offenbar unter Drogeneinfluss und Folter Geständnisse unterschrieben hatten und sich vor Gericht selbst Taten bezichtigten, die sie nicht begangen hatten.

Neben dem Willen, ähnliche Methoden auf die eigenen Gefangenen anzuwenden, hatte die CIA auch Interesse daran, fremde Herrscher mit derartigen Techniken manipulieren zu können. Später soll es mehrere Pläne gegeben haben, den kubanischen Staatschef Fidel Castro zu beeinflussen.

Ziele und Umsetzung Bearbeiten

Oberstes Ziel war laut CIA die "Vorhersage, Steuerung und Kontrolle des menschlichen Verhaltens". Eines der wenigen öffentlich bekannt gewordenen Beispiele ist die Verhörmethode, die die Britische Armee bei Gefangenen in Nordirland verwendete. Sie wurde als "UDIT" (Ulster Depth Interrogation Techniques) bezeichnet und nach Berichten und Daten des britischen Innenministeriums 1972 veröffentlicht (durch den Psychologen T. Shallice der Londoner Universität). Der für die UDIT-Methode verantwortliche britische Kommandeur wurde in den 1980er Jahren bei einem Urlaub in Osnabrück durch einen "terroristischen Anschlag der IRA" getötet.

MK steht tatsächlich für "Mind Kontrol", hier bewusst mit "K" geschrieben, weil die Forschungen angeblich auf deutsche Experimente des Dritten Reiches zurückgingen. Im Gegensatz zu den amerikanischen und russischen sind jedoch keine deutschen Forschungen in dieser Richtung belegbar. Joseph Goebbels, Leiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, war zwar ein Meister seines Fachs, jedoch wurde die Gehirnwäsche historisch offenbar erst nach dem Krieg in Amerika und später in der UdSSR erforscht.

Aktivitäten Bearbeiten

MKULTRA umfasste nach Angaben des damaligen CIA-Direktors Admiral Stansfield Turner 149 Unterprojekte, wovon mindestens 14 sicher Menschenversuche waren, weitere 6 Projekte Versuche an unwissenden Menschen sowie 19 Projekte eventuell mit Menschenversuchen. Erforscht wurden die Wirkungen von Drogen (z.B. Alkohol und LSD), Giften, Chemikalien, Hypnose, Psychotherapie, Elektroschocks, Gas, Krankheitserregern, Erntesabotage, künstliche Gehirnerschütterung, Operationen usw.. Durchgeführt wurden die Experimente an 44 Universitäten, 12 Krankenhäusern, 3 Gefängnissen und 15 nicht näher bezeichneten "Forschungseinrichtungen" (Heiner Gehring: Versklavte Gehirne, 2001, Kopp-Verlag). Es ist erwiesen, dass zahlreiche Versuchspersonen bei den Experimenten schwerste körperliche und psychische Schäden davontrugen, bis hin zum Tod (siehe unten Die Olson-Affäre). Die Praxis von Entführungen zu Versuchszwecken wurde, zumindest für das MKULTRA-Projekt, von der CIA selbst bestätigt (A. Collins: In the sleep room. The story of the CIA brainwashing experiments in Canada, Lester & Torpen, Toronto, 1988 sowie H.M. Weinstein: Psychiatry and the CIA: Victims of Mind Control, American Psychiatric Press, Washington, 1990).

Beteiligung ehemaliger KZ-Ärzte Bearbeiten

Im Rahmen des Projekts Paperclip setzten die USA zahlreiche deutsche Wissenschaftler ein, darunter auch ehemalige deutsche KZ-Ärzte, die erwiesenermaßen in großem Stil an den Experimenten mitwirkten. Sie durften ihre durch das Kriegsende unterbrochenen Menschenversuche im Rahmen von MKULTRA auch in Deutschland fortführen. Dies wird in dem ARD-Dokumentarfilm "Deckname Artischocke - Die geheimen Menschenversuche der CIA" (siehe Weblinks) und in einem darauf aufbauenden Buch detailliert dargelegt ("Egmont Koch und Michael Wech: Deckname Artischocke", Goldmann, 2004). Dazu gehörten unter anderem:

  • Dr. Samuel Rascher, der während des Kriegs russische und polnische Kriegsgefangene im KZ in große Wannen mit kaltem Wasser zwischen 2,5 und 12 Grad Celsius gelegt hatte und deren Sterben dokumentierte.
  • Professor Kurt Blome hatte Menschenversuche mit Bakterien und Viren durchgeführt und mit Pesterregern an Menschen experimentiert.
  • Dr. Walter Paul Schreiber infizierte KZ-Insassen mit Fleckfieber und Malaria und spritzte Phenol als Hinrichtungsmethode.

Der MKULTRA-Bakteriologe Dr. Frank Olson war öfters beruflich in Europa und wurde Zeuge der von den ehemaligen Nazi-Wissenschaftlern durchgeführten Menschenversuche. Es wird vermutet, dass diese Erlebnisse eine schwere persönliche Krise auslösten, die schließlich zu seinem gewaltsamen Tod führten.

Protokoll eines Experiments Bearbeiten

Harold Blauer starb am 8. Januar 1953, nachdem er mehrfach hohe Dosen einer synthetisch hergestellten Variante der Droge Mescalin im Rahmen von MKULTRA-Experimenten am New York State Psychiatric Institute erhalten hatte. Seine Witwe erhob nach seinem Tod Anzeige, im Verlauf des Prozesses vertuschten die Behörden die wahre Todesursache. Das folgende Protokoll beschreibt den Verlauf der tödlichen Infusion, die zu einem Kreislaufkollaps und Herzversagen führte. Zitiert aus: Egmont Koch und Michael Wech: "Deckname Artischocke", Goldmann, 2004, S. 136.

  • 9.53 Uhr Injektion beginnt, ruhelose Bewegungen, Protest gegen die Injektion.
  • 9.55 Uhr Injektion endet.
  • 9.59 Uhr [...] sehr ruhelos, muss von der Schwester festgehalten werden, nicht ansprechbar [...] wildes Rudern mit den Armen, heftiges Schwitzen [...]
  • 10.01 Uhr [...] Patient richtet sich im Bett auf, komplette Versteifung des Körpers [...] schnarchendes Atmen 32/min, Puls 120/min [...] Zähne zusammengebissen, Schaum vor dem Mund [...] rollende Augenbewegungen [...]
  • 10.04 Uhr [...] Verkrampfung der Rückenmuskulatur [...]
  • 10.05 Uhr [...] steife Extremitäten, Pupillen leicht erweitert, reagiert nicht auf Licht [...]
  • 10.09 Uhr [...] allgemeine Errötung des Gesichts und der Brust [...] weiterhin starkes Schwitzen [...] Tremor der unteren Extremitäten, Schaum vor dem Mund [...]
  • 10.10 Uhr [...] weiterhin schnarchende Atmung 28/min, unregelmässig [...] versteifter Kiefer [...]
  • 11.05 Uhr [...] vereinzeltes Aufbäumen, heftige Arm- und Beinbewegungen [...] redet wirr von "Murphy", meist zusammenhangslos, vorübergehend ansprechbar [...]
  • 11.12 Uhr [...] gesteigerte Unruhe, unterbrochene Versteifung [...]
  • 11.17 Uhr [...] redet nicht mehr [...] fällt ins Koma, immer noch unruhig [...]
  • 11.30 Uhr starke, schnarchende Atmung [...]
  • 11.45 Uhr [...] ruhiges, tiefes Koma.

Laut Protokoll endete das Experiment um 12.15 mit dem Tod der Versuchsperson.

Aktenvernichtung Bearbeiten

Da die meisten Dokumente 1972 unter dem damaligen CIA-Direktor Richard Helms vorsätzlich und illegal vernichtet wurden, ist es fast unmöglich, das gesamte Projekt mit seinen mehr als 150 individuellen Forschungsprojekten und den zugehörigen CIA-Programmen nachzuvollziehen. Es existieren jedoch genügend Akten, um die wesentlichen Strukturen und zahlreiche Programme zu rekonstruieren. Mehrere staatliche Untersuchungskommissionen beschäftigten sich mit MKULTRA (siehe Offizielle Untersuchungen). Ein Teil der erhaltenen Dokumente wurde mittlerweile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (siehe Weblinks).

Offizielle Untersuchungen Bearbeiten

Es gab in den USA mehrere offizielle Untersuchungskommissionen zu MKULTRA. 1975 untersuchte die von Präsident Gerald Ford eingesetzte Rockefeller-Kommission die Vorgänge, was unter anderem zur Aufdeckung der sogenannten Olson-Affäre führte (siehe unten). Im Jahr 1977 befasste sich das Church-Komitee des amerikanischen US-Kongresses mit der Aufklärung, eine wichtige Rolle im Ausschuss spielte dabei Senator Edward Kennedy. Zahlreiche Opfer der Menschenversuche wurden dabei als Zeugen gehört.

Im Bericht des Church-Komitee schrieb Edward Kennedy im August 1977:

Der Deputy Director der CIA gab an, dass über 30 Universitäten und Institutionen an "intensiven Test- und Forschungsprogrammen" beteiligt waren, die Drogenversuche an unwissenden Menschen "aller sozialen Schichten, aus den USA und anderen Ländern" umfassten. Zahlreiche Tests beinhalteten die Gabe von LSD an "unwissende Personen in Alltagssituationen". Mindestens ein Todesfall, der von Dr. Frank Olson, war eine Folge der Experimente. Die Behörde gab selbst zu, dass die Tests kaum einen wissenschaftlichen Sinn hatten. Die für die Beaufsichtigung der Experimente eingesetzten Agenten hatten keinerlei wissenschaftliche Qualifikation.

Die Olson-Affäre Bearbeiten

Im Jahr 1975 fand die Rockefeller-Kommission zur Untersuchung illegaler CIA-Aktivitäten innerhalb der USA Hinweise auf mysteriöse Umstände beim Tod des MKULTRA-Wissenschaftlers Dr. Frank Olson im Jahr 1953. Offiziell starb Olson nach einem selbstverursachten Sturz durch die Glasscheibe eines geschlossenen Fensters im 10. Stock eines New Yorker Hotels. Der Bakteriologe war an der Entwicklung von biologischen Waffen wie Anthrax beteiligt und besaß umfangreiche Kenntnisse über die Menschenversuche im Rahmen von MKULTRA.

Laut dem ARD-Dokumentarfilm "Deckname Artischocke" (siehe Weblinks) sah Olson auf seiner letzten Europareise im August 1953 in Berlin, wie Menschen bei Experimenten so lange gequält wurden, bis sie starben. Gegenüber Kollegen hatte er sich tief erschüttert über die Praktiken im Rahmen von MKULTRA gezeigt. Private Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass er einen Ausstieg aus dem Projekt erwog.

Laut der 1975 untersuchten CIA-Dokumente stand Olson bei seinem Tod unter dem Einfluss der halluzinogenen Droge LSD, die ihm von der CIA als "unfreiwilliger Testperson" verabreicht worden war. Dies löste einen Skandal in den USA aus. Die US-Regierung unter Gerald Ford legte durch die Zahlung von 750.000 US-Dollar an die Witwe und eine persönliche Entschuldigung des Präsidenten die Angelegenheit rasch bei, um eine drohende gerichtliche Untersuchung des Falls abzuwenden, bei der eventuell Geheimdokumente über MKULTRA an die Öffentlichkeit geraten wären. Die Witwe erhielt vom damaligen CIA-Direktor William Colby eine Reihe von Dokumenten, die die Selbstmordversion unter Drogeneinfluss stützten. An der Vorbereitung dieser schnellen Lösung der Affäre waren Richard Cheney, damals Stabschef im Weißen Haus, sowie Donald Rumsfeld maßgeblich beteiligt.

Hinweise auf Mord / Der Tod eines Ex-CIA-Direktors Bearbeiten

Der Sohn Dr. Eric Olson ließ den Leichnam seines Vaters 1993 exhumieren und von einem Expertenteam obduzieren, wobei sich deutliche Hinweise auf einen Mord und gegen die offizielle Selbstmordversion ergaben. Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, Stephen Saracco, eröffnete daraufhin ein Ermittlungsverfahren. Die CIA und das US-Justizministerium blockierten jedoch die Ermittlungen. Nach monatelangen Verhandlungen erkämpfte Saracco das Recht auf eine Vernehmung mehrerer Zeugen durch eine Grand Jury. Er plante unter anderem, den 1975 amtierenden CIA-Direktor William Colby vorzuladen. Dieser starb jedoch kurz nach Bekanntwerden der geplanten Vorladung unter ungeklärten Umständen bei einem nächtlichen Ausflug mit seinem Kanu. Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten hatte er keine Schwimmweste getragen und auch seiner Frau nichts von seinem ungewöhnlichen Ausflug erzählt.

Das Verfahren im Fall Olson wurde schließlich nach über achtjähriger Ermittlungsdauer ohne Klageerhebung eingestellt. Viele meinen, dass Olson als potentielles Sicherheitsrisiko von der CIA ermordet wurde. Auch einige ehemalige Kollegen haben sich ausdrücklich gegen die Selbstmordthese ausgesprochen (siehe Weblinks und externe Referenzen). Als einer der möglichen Gründe wird angeführt, dass die USA die Entwicklung von biologischen Waffen stets bestritten hatten und befürchteten, im Propagandakrieg mit der Sowjetunion durch mögliche Enthüllungen Olsons einen Rückschlag zu erleiden. Außerdem wird darüber spekuliert, ob Olson über den eventuellen Einsatz von biologischen Waffen im Koreakrieg informiert war. Der chinesische Premierminister Zhou Enlai hatte den USA den Einsatz vorgeworfen, diese hatten den Vorwurf aber vehement dementiert.

Verwandte ThemenBearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • Egmont R. Koch und Michael Wech: "Deckname Artischocke", Goldmann, 2004, ISBN 344215281X
  • U.S. Congress, The Select Committee to Study Governmental Operations with Respect to Intelligence Activities, Foreign and Military Intelligence, report no. 94-755, 94th Cong., 2d Sess. (Washington, D.C.: GPO, 1976), 394.
  • Martin Lee, Bruce Shlain: Acid Dreams: The Complete Social History of LSD: The CIA, the Sixties, and Beyond
  • The Frank Olson Project - eine von Frank Olsons Familie veröffentlichte Webseite zu den Umständen von Olsons Tod
  • Ted Gup: The Coldest, The Washington Post, 16. Dezember 2001, Seite W9.
  • Bart Barnes: CIA Official Sidney Gottlieb, 80, Dies, The Washington Post, 11. März 1999, Seite B5.
  • Mark Jenkins: Mk Ultra, The Washington Post, 25. September 1998, Seite N15.
  • Brian Mooar: New Study Yields Little on Death of Biochemist Drugged by CIA, The Washington Post, 29. November 1994, Seite B3.
  • Brian Mooar: Tests Contradict U.S. Story of Man's Suicide; Family Suspects CIA Killed Researcher, The Washington Post, 12. Juli 1994, Seite B1.
  • Laura A. Kiernan: Canadians Sue U.S. Over CIA Tests Of Behavior Modification Methods, The Washington Post, 12. Dezember 1980, Seite A44.
  • The CIA's Attempt At Mind Control: Bad Trips? The Washington Post, 15. Februar 1979, Seite C2.
  • Bill Richards: Book Disputes CIA Chief on Mind-Control Efforts, The Washington Post, 29. Januar 1979, Seite A2.
  • Anne Collins: In the Sleep Room: The Story of CIA Brainwashing Experiments in Canada, Lester & Orpen Dennys (Toronto), 1988.

Weblinks Bearbeiten

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