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Peter Urbach, genannt "S-Bahn-Peter", war ein V-Mann und Agent provocateur des Berliner Verfassungsschutzes in den späten 1960er Jahren.

Er gab sich als hilfsbereiter, politisch links stehender Handwerker aus und führte Arbeiten in linken Wohngemeinschaften wie der Kommune 1 durch. Auf diese Weise verschaffte er sich das Vertrauen von führenden Mitgliedern der damaligen Studentenbewegung, darunter Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans. Urbach spielte eine vielfach kritisierte Rolle als Lieferant von illegalen Materialien für sich radikalisierende Teile dieser Bewegung, aus denen auch die Gründungsmitglieder der Rote Armee Fraktion und der Bewegung 2. Juni hervorgingen. Er lieferte nachweislich Molotow-Cocktails, Bomben (die sich meistens, aber nicht immer als Blindgänger erwiesen) und mindestens eine Schusswaffe. Urbach lieferte 1970 den entscheidenden Hinweis für die erste Verhaftung des RAF-Mitgründers Andreas Baader, danach besorgte ihm der Verfassungsschutz eine neue Identität im Ausland. Sein heutiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt.

Mehrere Autoren haben die Vermutung geäußert, dass der Verfassungsschutz über Urbach die Entstehung des linksradikalen Terrorismus bewusst förderte.

Molotow-Cocktails, Bomben und 50 Pistolen Bearbeiten

Urbach wurde vor allem durch seinen Einsatz bei einer Demonstration vor dem Gebäude des Springer-Konzerns am 11. April 1968 bekannt, die als Reaktion auf das Attentat auf Rudi Dutschke stattfand: Er versorgte die Demonstranten aus einem großen Weidenkorb mit etwa einem Dutzend zündfertiger Molotowcocktails. Außerdem zeigte er den Demonstranten, wie Autos umgekippt werden konnten, damit das Benzin aus dem Tank lief. Dies führte mit zur gewalttätigen Eskalation der Demonstration und zum Abbrennen mehrerer Lieferwagen des Verlags(Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. S. 72, ISBN 3442129532,Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie. S. 253, ISBN 3472865768). Die Ereignisse wurden als Osterunruhen bekannt und zählen bis heute zu den schwersten Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Fotos der brennenden Lastwagen gingen als Beweis für die Gewaltbereitschaft der Berliner Studenten durch die Zeitungen.

Einige Wochen später bot er den Leitern des von Rudi Dutschke gegründeten INFI, des designierten "Che-Guevara-Instituts", fünfzig Pistolen aus angeblich abgezweigten Polizeibeständen an, "da die Revolution doch bewaffnet sein müsse."(Gerd Koenen: Rainer, wenn du wüsstest! Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 ist nun aufgeklärt - fast. Was war die Rolle des Staates? Berliner Zeitung, 6. Juli 2005)

Urbach lieferte auch zwölf Sprengsätze mit Zeitzünder anlässlich des Kurzbesuchs des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon am 27. Februar 1969 in Berlin. Er verteilte sie über den "Republikanischen Club" in der Wielandstraße, einem Haupttreffpunkt der linken Szene in Berlin, in der Kommunardenszene. Sprengsätze dieser Serie wurden kurz darauf an der Route des neugewählten US-Präsidenten Nixon gefunden - und wenig später bei Durchsuchungen in den belieferten Kommunen (Gerd Koenen). Georg von Rauch und Michael "Bommi" Baumann, beides Mitglieder der Gruppe Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, hatten eine der Bomben auf einem Baugerüst an der Berliner Außenstelle des Deutschen Patentamts in Berlin-Kreuzberg deponiert. Die Bombe versagte jedoch wegen eines gebrochenen Zündkabels. Baumann und von Rauch bauten sie daraufhin in der folgenden Nacht wieder ab und deponierten sie im Kühlschrank der Wielandkommune (Michael Baumann: Wie alles anfing S. 53, ISBN 3867890005)

In dieser Frühphase militanter Aktionen linker Gruppen stand Urbach in den Jahren 1967-1970 bereitwillig als ein Hauptlieferant von Molotowcocktails, Brand- oder Sprengsätzen und Schusswaffen zur Verfügung. Laut der Aussage des RAF-Mitgründers Horst Mahler hatte Urbach ihm auch unaufgefordert eine FN-Pistole des Kalibers 9 mm samt Munition besorgt (Willi Winkler: Ein ZEIT-Gespräch mit Ex-Terroristen Horst Mahler über die Apo, den Weg in den Terror und die Versöhnung mit dem Grundgesetz. Die Zeit Nr. 19, 2. Mai 1997, zitiert aus www.glasnost.de,Rechtsanwalt Horst Mahler: Stellungnahme der Antragsgegnerin im Verfahren Deutsche Bundesregierung und andere gegen NPD. S. 31, 30. August 2002).

Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus Bearbeiten

Erst im Jahr 2005 wurde durch ein Buch des Historikers Wolfgang Kraushaar (siehe Literatur) bekannt, dass Urbach auch die Bombe für das Attentat auf das jüdische Gemeindehaus durch die Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 geliefert hatte. Die Bombe war nur wegen einer überalterten Zündkapsel nicht explodiert, der Zeitzünder hatte ausgelöst (Steffen Mayer und Susanne Opalka: Bombenterror gegen jüdische Gemeinde - nach 30 Jahren packt der Täter aus. rbb-online, 10. November 2005). Laut eines damaligen Gutachtens der Sprengstoffexperten der Berliner Polizei, die einen Nachbau zur Explosion brachten, hätte die von Urbach gelieferte Bombe "das Haus zerfetzt" und unter den 250 Teilnehmern der Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen viele Opfer gefordert(Koenen 2005). Unter den Anwesenden befanden sich auch der Berliner Bürgermeister und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski. Die Berliner Behörden kannten durch Urbach die Namen der Täter. Sie wurden in dem Schlussbericht der Sonderkommission auch genannt, der der Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Diese erhob jedoch zum Erstaunen der beteiligten Polizisten keine Anklage. Der damals zuständige Staatsanwalt wollte sich auch im Jahr 2005 noch nicht zu den Vorgängen äußern [1]. Laut einem Erklärungsversuch für den ungewöhnlichen Vorgang wäre bei einem Gerichtsverfahren auch Urbachs Rolle bekannt geworden, was die Behörden verhindern wollten. Wolfgang Kraushaar meinte dazu:

Es hätte auf jeden Fall einen großen Ansehensverlust der Bundesrepublik bedeutet, dass von staatlicher Seite die Mittel beigesteuert worden sind, um diesen Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus zu verüben.

Enttarnung, neue Identität und ein Lebenszeichen Bearbeiten

Urbach wurde nach der Verhaftung von Andreas Baader am 4. April 1970 endgültig als Spitzel enttarnt, allerdings galt seine Tätigkeit für den Verfassungsschutz schon längere Zeit als offenes Geheimnis in der Szene. Weil er den entscheidenden Hinweis gegeben hatte, der zur Verhaftung Baaders führte, galt Urbach von da an als äußerst gefährdet. Der Verfassungsschutz besorgte ihm daraufhin eine neue Identität, vermutlich in Nord- oder Südamerika(Koenen 2005). Über sein weiteres Leben und seinen heutigen Aufenthaltsort ist nichts bekannt.

Der Ex-Kommunarde Rainer Langhans versuchte Jahre nach Urbachs Verschwinden, mit ihm wegen eines Filmprojekts in Kontakt zu treten. Eine entsprechende Anfrage an das Landesamt für Verfassungsschutz führte prompt zu einem Anruf durch den Gesuchten. Urbach sagte zu Langhans, zu dem er immer ein besonderes Verhältnis gehabt hatte, dass er nicht sprechen könne. Das Gespräch endete mit dem Satz: "Rainer, wenn du wüsstest!"(Koenen 2005)

Hintergründe und Interpretation Bearbeiten

Die Versorgung der linksradikalen Szene mit Waffen und Bomben nähren im Zusammenhang mit Urbachs Verfassungsschutz-Tätigkeit und seinem Verschwinden bis heute diverse Spekulationen. Während dies anfangs nur von damaligen Beteiligten vermutet wurde, haben in neuerer Zeit auch Journalisten und Historiker geäußert, dass Urbach ein Agent Provocateur war, dessen Helferdienste bei Anschlägen und anderen kriminellen Aktionen mit Behörden abgestimmt oder von diesen sogar im Sinne einer Strategie der Spannung angeordnet gewesen waren.

Stefan Aust schrieb in Der Baader-Meinhof-Komplex über die Rolle des Verfassungsschutzes bei Urbachs Lieferung der Molotow-Cocktails an die Anti-Springer-Demonstranten 1968: Der "teuflische Plan" [von dem ein Rundfunkreporter angesichts der brennenden Springer-Lieferwagen gesprochen hatte] war nicht von den Anti-Springer-Demonstranten erdacht worden. Er stammte von ganz anderer, höherer Stelle.(Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. S. 72, Goldmann, 1998, ISBN 3442129532)

Schon 1975 hatte Michael "Bommi" Baumann in seinem Memoiren über die Bomben für den Nixon-Besuch geschrieben, der Verfassungsschutz habe den Haschrebellen "Über Urbach die Bombe in die Hand gedrückt. Das haben wir in der Zeit gar nicht übersehen, da waren wir Handlanger einer ganz bestimmten Bullenstrategie"(Michael Baumann: Wie alles anfing. S. 54, ISBN 3867890005).

Widerspruch gegen diese Lesart kam unter anderem von dem Historiker und Publizisten Gerd Koenen. Auch er kritisierte zwar die Tatsache, dass Urbach später vom Berliner Verfassungsschutz außer Landes gebracht und mit einer neuen Identität ausgestattet wurde als einen der "unglaublichsten Skandale des bundesrepublikanischen Staatswesens". Gleichzeitig kritisierte Koenen aber auch die bei Baumann zu beobachtende Tendenz der frühen Stadtguerilleros, sich selbst "über diesen Super-Agenten einen Persilschein ausstellen" zu wollen. (Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader, 2003, S. 257, ISBN 3596156912) Nachdem im Jahr 2005 bekannt geworden war, dass Urbach auch die Bombe für das Attentat auf das jüdische Gemeindehaus durch die Tupamaros West-Berlin geliefert hatte, änderte Koenen seine Meinung und äußerte sich sehr nachdenklich:

Die Rolle des Verfassungsschutzagenten Peter Urbach in dieser Geschichte - die in Wirklichkeit die seiner Führungsoffiziere und Vorgesetzten ist - mag oft überzeichnet worden sein. Die von ihm gelieferten Bomben haben in der Regel nicht funktioniert. Die in der Szene bald umlaufenden Waffen sollen nicht von ihm gestammt haben. Aber weiß man das genau, und ist das, was man weiß, nicht vielleicht nur ein Ausschnitt? (...) Oder muss man davon ausgehen, dass dem Ex-Agenten Urbach über Jahre eine Art Schweigegeld aus öffentlichen Mitteln gezahlt worden ist - und vielleicht bis heute gezahlt wird -, damit er die eigentlich Verantwortlichen nicht nennt? (...) Was im Dunkeln liegt und umso mehr verstört, ist die andere Seite des Schweigens, das diesen vielleicht größten Skandal seiner Art in der Geschichte der alten Bundesrepublik umgibt.

Der SZ-Journalist und Autor Willi Winkler (Die Geschichte der RAF) äußerte sich in einem Interview konkreter[2]:

Es gab diesen agent provocateur, Peter Urbach, der schon in der Kommune 1 wirkte. Die Polizeiführung, in Sonderheit der Berliner Innensenator Neubauer, hatte ein Interesse daran, objektive Beweise für die Gewalttätigkeit der Studenten zu finden, was lange nicht gelingen wollte. Die Studenten hatten keine Waffen, sie waren pazifistisch, bis Urbach ihnen die Molotow-Cocktails in die Hand drückte. Urbach lieferte Mahler, der als Anwalt vergeblich einen Waffenschein beantragt hatte, auch eine Knarre. So kriminalisiert man seinen Gegner, so baut man ihn auf. In der Berliner Polizei befanden sich, wiederum Forschungsergebnis [von Tilman] Fichter, reichlich Wehrmachtsangehörige, die an der Ostfront in der Partisanenbekämpfung eingesetzt waren. Die gingen nun auf die Studenten los.

Literatur Bearbeiten

  • Michael "Bommi" Baumann: Wie alles anfing. Mit einem Vorwort von Heinrich Böll und einer Nachbemerkung von Michael Sontheimer. Berlin: Rotbuch-Verlag, 1991, ISBN 3867890005
  • Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I: Berlin 1967-1969. Goldmann, 2006, ISBN 3442153611
  • Gerd Koenen: Vesper, Baader, Ensslin: Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer & Witsch, 2003, ISBN 3596156912
  • Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Hamburger Edition, 2005, ISBN 3936096538
  • Günter Langer: Der Berliner "Blues": Tupamaros und umherschweifende Haschrebellen zwischen Wahnsinn und Verstand. Onlineversion bei infopartisan.net. in: Eckhard Siepmann u.a. (Red.), Che Schah Shit: Die Sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow, Rowohlt, 1988, S. 195-203, ISBN 3885200600

Siehe auch Bearbeiten

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