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Als Präventivkriegsthese oder Präventivschlagthese wird die Ansicht bezeichnet, dass es sich beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 um die Abwehr eines drohenden Angriffes auf Deutschland gehandelt habe. Dieser sei zumindest moralisch oder auch kriegsvölkerrechtlich gedeckt gewesen, weil der sowjetische Angriff als unmittelbar bevorstehend erkannt worden sei.[1]

Die Präventivkriegsthese steht im Widerspruch zur vorherrschenden Auffassung in der aktuellen Geschichtswissenschaft, in der sich heute durchgesetzt hat, dass es sich nicht um einen Präventivkrieg handelte.

Die Präventivkriegsthese zählt zu den Hauptelementen des Geschichtsrevisionismus und spielt in den Kampagnen des deutschen Rechtsextremismus, die auf die „Relativierung der Kriegsschuld“ (Verfassungsschutzbericht 2001) abzielen, eine zentrale Rolle.[2]

Im Zusammenhang mit der Präventivkriegsthese werden seit Anfang der 1990er Jahre der Stand der sowjetischen Angriffsvorbereitungen 1941 und die damit verbundenen Absichten der sowjetischen Führung diskutiert. Einige Historiker, wie z. B. Michail Meltjuchow, W. Neweschin, W. Danilow und Boris Sokolow[3], sind der Meinung, dass sowohl Adolf Hitler als auch Josef Stalin Angriffspläne hatten.

Hintergründe der Debatte Bearbeiten

Die Präventivkriegsthese nahm die offizielle nationalsozialistische Rechtfertigung wieder auf, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion sei eine „Vorsichtsmaßnahme“ bzw. eine Reaktion auf einen sowjetischen Aufmarsch. Heinrich Himmler zum Beispiel rechtfertigte in seiner bekannten Posener Rede vom 4. Oktober 1943 den Angriff damit, dass Stalin sonst „vielleicht ein viertel bis ein halbes Jahr“ später „zu seinem großen Einbruch nach Mittel- und Westeuropa“ ausgeholt hätte.[4] Diese Propaganda diente im Wesentlichen zur Rechtfertigung des Angriffs im eigenen Land bzw. bei Verbündeten und Neutralen. Dies wird z. B. in Feldpostbriefen aus der Anfangsphase des Feldzuges deutlich. Die NS-Propaganda bediente sich daher eines grundsätzlichen Antibolschewismus, der typischerweise mit Antisemitismus und Rassismus zu einer Verschwörungstheorie vermischt wurde, wonach der „jüdische Bolschewismus“ die Ausrottung oder Versklavung der ganzen Welt plane und der deutsche Krieg der Abwehr dieser Gefahr diente. Auf dieser Grundlage wurde auch in den besetzten Gebieten massiv für den Eintritt in die Freiwilligenverbände der Wehrmacht und Waffen-SS geworben.

Nach dem Krieg wurde der politische Mythos der „Abwehr der asiatischen Bedrohung“ von Alt-Nazis und ehemaligen Angehörigen der SS (z. B. Paul Karl Schmidt, bekannt als Paul Carell) weiter gepflegt und konnte sich im Klima des Antikommunismus des Kalten Krieges in rechten Kreisen lange Zeit unhinterfragt halten.

Erst im Zuge des Historikerstreits wurde auch die Präventivkriegsthese in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert.

Von den meisten Historikern wurde die Präventivkriegthese abgelehnt. Ursächlich hierfür dürfte gewesen sein, dass das vorgebrachte Material der Protagonisten dieser These einfach „zu schwach“ bzw. durch langjährige Forschung bereits eindeutig widerlegt war. So basierten diese „Quellen“ vielfach auf Vermutungen und Hörensagen, beispielsweise existieren von einer an zentraler Stelle genannten Rede von Stalin mindestens vier verschiedene Abschriften, die zudem allesamt nur aus zweiter Hand sind. Andererseits war aus der Forschung bekannt, dass sich Stalin der Schwäche seiner Armee infolge der „Säuberungsaktionen“ durchaus bewusst war. Zugleich wussten aber auch Hitler und seine Generäle darüber Bescheid und rechneten bei den Kriegsvorbereitungen mit keiner ernsthaften Gegenwehr. Im Zentrum der Kritik der Befürworter der Präventivkriegthese steht der schuldhafte Begriff „Überfall“. Würde man deren Interpretation folgen, wäre dessen Benutzung nicht mehr zulässig, da dem Überfallenen selbst aggressive Absichten unterstellt werden könnten. Die Kriegschuldfrage würde so neu gestellt, wobei die deutsche Seite von der alleinigen Verantwortung entlastet wäre. Gerd Ueberschär kommt in seiner Untersuchung zur „Präventivkriegthese“ zum Ergebnis, dass diese „nichts mit Geschichtswissenschaft zu tun (hätte), vielmehr gehöre sie zu den jüngsten Verdrehungen unserer historischen Sichtweise’, die aus politischen Gründen“ erfolgten. Für den Berliner Historiker Wolfgang Wippermann hat diese These eine „klar erkennbare rechte und rechtsradikale Motivation“ und ist im Bereich „des Rechtsradikalismus und des Revisionismus“ angesiedelt." - Nikolaus Ziegler: Der Historikerstreit. Die Debatte über eine Revision des Bilds vom Nationalsozialismus. Eine Darstellung der zentralen Akteure und Themenfelder, August 2004, S.18.

In dieser Zeit, Mitte der 1980er Jahre trat in Großbritannien auch erstmalig der sowjetische Überläufer Viktor Suworow (auch Suvorov, Pseudonym für Wladimir B. Resun) in Erscheinung, der die provokante These aufstellte, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 sei einem sowjetischen Angriff tatsächlich nur um wenige Tage zuvorgekommen. In seinem Buch Der Eisbrecher schließt Suworow vor allem aus seiner Erfahrung als Offizier der Sowjetarmee bei der Besetzung der Tschechoslowakei 1968 darauf, dass Stalin mit dem Aufmarsch der Roten Armee an der Westgrenze nur das Ziel haben konnte, ganz Europa zu erobern. Suworows These, die er in mehreren Büchern ausbreitet und für die er außer seinen eigenen Erfahrungen auch auf die Memoirenliteratur sowjetischer Militärs zurückgreift, stießen vor allem in Deutschland und in den 1990er Jahren dann zunehmend in Russland auf Widerhall, zumal dort nach erstmaligen Veröffentlichung des Geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 das offizielle Geschichtsbild ins Wanken geraten war. Beispielsweise behauptet Suworow, dass Stalin sich zu dem Pakt entschloss, um Hitler zu einem Krieg gegen die Britisch-Französische Allianz aufzustacheln, damit die kapitalistischen Länder „aufeinander einschlagen und sich schwächen“ würden.[5]

Durch den zwischenzeitlich freieren Zugang zu sowjetischen, dann russischen Archiven wurde eine Vielzahl von Dokumenten über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges und des Deutsch-Sowjetischen Krieges bekannt, die zu neuen Erkenntnissen über diese Vorgänge führten. In dieser Zeit erfuhr die Präventivkriegsthese kurzzeitig neuen Auftrieb, als Historiker wie Werner Maser diese bis dahin unbekannten Dokumente aus sowjetischen Archiven veröffentlichten.

Nachdem wir die Verteidigung unseres Landes durchgeführt haben, sind wir verpflichtet, angriffsweise zu handeln, von der Verteidigung zur Kriegspolitik der Angriffsoperationen überzugehen. Es ist notwendig, unsere Erziehung, unsere Propaganda, unsere Agitation, unsere Presse auf den Angriffsgedanken hin umzustellen. Die Rote Armee ist eine neuzeitliche Armee, und eine neuzeitliche Armee – ist eine Angriffsarmee. - Josef Stalin am 5. Mai 1941.

Wie Walerij Danilow zeigt, wird die Rede Stalins auch von dem Schriftsteller V.V.Višnevskij bestätigt: dieser hat in seinem Tagebuch (unter dem 13. Mai 1941) vermerkt: „Die Rede hat eine ungeheure Bedeutung. Wir öffnen den ideologischen und tatsächlichen Angriff… Aber ich erinnere mich klar der Prognose darüber, daß wir den Kampf mit Deutschland beginnen – wir werden einen grandiosen Kampf gegen den Faschismus führen… Es kommt unser Feldzug im Westen, es kommt die Möglichkeit, von der wir lange träumten.“

Aber auch diese Dokumente haben die Existenz eines konkreten sowjetischen Angriffsplans für den Sommer 1941 nicht schlüssig belegen können. Nach weitgehend anerkanntem Forschungsstand scheute Stalin seit 1940, nach den raschen Siegen Hitler-Deutschlands in Westeuropa, vor einem Kriegseintritt auf Seiten Großbritanniens zurück. Da sich an der militärisch ungünstigen Lage seines Landes bis Sommer 1941 nichts Wesentliches geändert hatte, halten die meisten Historiker einen sowjetischen Angriffsplan zumindest für diesen Zeitpunkt für äußerst unwahrscheinlich.

Nachdem die Präventivkriegsthese auch den Bundestag beschäftigt hatte, wird sie nunmehr nur noch von einigen wenigen Autoren, jüngst etwa von Stefan Scheil in seinem Buch 1940/41, 2005, ernsthaft vertreten.

Einwände Bearbeiten

Ein weiterer Einwand gegen die Präventivkriegsthese ist, dass Hitler bereits in seinem Buch „Mein Kampf“ einen Krieg gegen Russland als Ziel seiner Politik dargestellt hatte, neuen „Lebensraum im Osten“ zu erobern. Darüber hinaus hat er vor und nach 1941 mehrfach geäußert, dass der Krieg gegen die Sowjetunion und den Bolschewismus zu seinen ureigenen Zielen gehörte. Gegen die These, Hitler sei Stalin nur im letzten Moment zuvorgekommen, spricht auch, dass die Entscheidung für den Überfall auf die UdSSR schon im Sommer des Vorjahres fiel und der geplante Angriff vom Herbst 1940 auf das Frühjahr und schließlich noch einmal auf den Sommer 1941 verschoben wurde. Schließlich lässt sich in den Monaten vor dem Unternehmen „Barbarossa“ eine Furcht, die Sowjetunion könne kurz vor einem Angriff auf Deutschland stehen, bei den deutschen Entscheidungsträgern nicht finden. So notierte Goebbels etwa am 4. Dezember 1940 in sein Tagebuch:

Auf dem Balkan tritt Moskau unter der panslawischen Fahne auf: das ist wieder nicht ganz ungeschickt. Allerdings wird es nie etwas gegen uns unternehmen: aus Angst.

Und unter dem Datum des 6. April 1941 heißt es sogar:

Vor Russland hat der Führer keine Angst. Er hat sich ausreichend abgeschirmt. Und wenn es eben angreifen will: Je eher, desto besser.

Michail Meltjuchow meint jedoch, dass beide Diktatoren unabhängig voneinander den Entschluss zum Angriff gefasst hätten.

Besymenski weist die These von Viktor Suworow zurück, dass Hitler Stalin mit dem Angriff am 22. Juni 1941 nur um wenige Tage zuvor gekommen sei. Er räumt allerdings durchaus ein, dass der Schukow-Plan existierte und die Absichten Stalins nicht etwa auf Frieden, sondern auf Zeitgewinn abzielten, und, so spekuliert er: „… und damit letztendlich auf mögliche Aggression abzielten.“

Es wird behauptet, dass der Hitler-Stalin-Pakt von beiden Diktatoren geschlossen wurde, um Zeit zu gewinnen. Beide seien gewillt gewesen, den Nichtangriffspakt bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit zu brechen. Im Sommer 1941 sei die Situation für Hitler-Deutschland, nicht jedoch für die Sowjetunion günstig gewesen. Stalin hatte angeblich alles getan, um Hitler keinen Vorwand für einen Angriff zu bieten und darauf geachtet, dass die UdSSR ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Deutschland exakt einhielt. Diese Lesart steht jedoch im Gegensatz zu den Erkenntnissen mancher Historiker über die sowjetische Außenpolitik der Zwischenkriegszeit, die, wie z. B. Jonathan Haslam, Teddy Uldrick oder Dietrich Geyer darauf abheben, dass die Sicherheit der Sowjetunion bis 1941 das entscheidende Kriterium gewesen sei.

Weitere Argumente Pro und Contra Bearbeiten

Von den Befürwortern der Präventivkriegsthese, wie z. B. Werner Maser, der – im Gegensatz zu Suworow – die These vertritt, dass sowohl Hitler als auch Stalin Präventivkriege gegen den jeweils anderen planten und Hitler dabei Stalin lediglich zuvorkam, und feststellte:

„Dass Stalin nicht nur einmal einen Krieg gegen Hitler führen wollte, ist zweifelsfrei belegbar. Nachgewiesen werden kann aber auch, dass er die sowjetischen Vorbereitungen für den Krieg gegen Deutschland zumindest seit Ende Dezember 1940 als notwendige Maßnahme zur Auslösung eines Präventivkrieges bezeichnen konnte, wie es auf deutscher Seite 1941 ebenfalls eindeutig der Fall war.“ (Maser, VIII),

werden im Wesentlichen drei Argumente für die Richtigkeit ihrer Ansicht eines unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriffs vorgebracht:

  1. Am 22. Juni standen […] die sowjetischen Kriegsflugzeuge, die für den Offensivaufmarsch der Roten Armee […] bereitgestellt worden waren, nicht auf Horsten in rückwärtigen Gebieten der UdSSR, was im Falle von Verteidigungsabsichten selbstverständlich gewesen wäre, sondern – wie zum Appell – Tragfläche an Tragfläche auf Flugfeldern und an deren Rändern in der Nähe der Grenze.(Maser, S. 377)
  2. […] die ursprünglich für Verteidigungszwecke angelegten Minenfelder [waren] seit dem 20. Juni 1941 ebenso geräumt worden,wie die in Brücken, Bahnhofanlagen und anderen wichtigen Gebäuden eingebauten Sprengladungen entfernt worden waren. Tausende Kilometer Stacheldrahtverhaue, die einen angreifenden Feind behindern sollen, existierten am 22. Juni nicht mehr, weil sie eine eigene Offensive erschwert hätten. (Maser, S.378)
  3. Der deutsche Angriff stieß in die sowjetischen Vorbereitungen hinein, die spätestens Mitte Juli 1941 abgeschlossen sein sollten. Er vereitelte nicht nur ihre Vollendung, sondern zwang der UdSSR zugleich auch das Dilemma auf, zu der Zeit über eine Armee zu verfügen, die auf die Verteidigung nahezu gar nicht und auf die Offensive noch nicht ausreichend vorbereitet war. (Maser, S.376f.)

Dieser Ansicht wird, nicht zuletzt von deutschen Militärs wie Erich von Manstein widersprochen:

  1. Manstein bewertet die sowjetische Truppenaufstellung als einen „Aufmarsch für alle Fälle“.
  2. Die Wehrmacht musste beim Durchbruch durch die sogenannte Stalinlinie Mitte Juli 1941 erheblichen Widerstand brechen, was den Vormarsch bedenklich ins Stocken geraten ließ. Obwohl der sowjetische Nachrichtendienst umfassend über die deutschen Pläne informiert war, hielt Stalin diese Informationen für gefälscht, was ihn dazu veranlasste die Truppe nur friedensmäßig zu organisieren, die deshalb vom Alarm völlig überrascht wurde. Gleichzeitig wollte Stalin seinen Gegner nicht provozieren, weshalb die Verteidiger keine vorgeschobenen Verteidigungspositionen, zum Beispiel am Bug einnehmen konnten.
  3. Der Blitzkrieg setzte auf ein schnelles Vorstoßen motorisierter und gepanzerter Verbände in den Rücken des Gegners, was den Gegner schockiert und dadurch verteidigungsunfähig macht. Eine Gegenmaßnahme gegen die Panzerverbände sind massierte Panzergegenstöße. Zu dieser Zeit wurden die sowjetischen Panzer jedoch als Infanterie-Unterstützungswaffe angesehen und entsprechend einzeln oder in kleinen Gruppen eingesetzt. Die Säuberungen des Offizierskorps 1937 beraubten die Armee um Marschall Tuchatschewski fast seines gesamten Führungsstabes bis hinunter zu den Brigadekommandeuren. Derartig führungslos, war die Kampfkraft entscheidend geschwächt, was sich schon im Winterkrieg dramatisch zeigte. In der entscheidenden Phase der Operation, vor Moskau, wurden die überlebenden Militärs aus den Straflagern geholt und auf Bewährung eingesetzt. Dies steigerte im entschiedenen Moment die Kampfkraft gegen einen geschwächten Gegner. Hinzukommt, dass wie z. B. David M. Glantz in seinem Buch Stumbling Colossus argumentiert, dass die Rote Armee im Sommer 1941 weder vom Ausbildungs- noch vom Ausrüstungsstand her einsatzbereit und sowohl Führung als auch Nachrichtenwesen völlig unzureichend gewesen seien.

Bedeutung der These heute Bearbeiten

Die Vertreter der Präventivkriegsthese sind mit ihrer Interpretation weitgehend isoliert. Historiker wie etwa Hoffmann oder Maser, welche die These unterstützten, setzten sich damit in Gegensatz zur überwiegenden Forschungsmeinung. Jedoch wurde die bis Ende der 1980er Jahre vor allem in der Sowjetunion vorherrschende Meinung revidiert, die Rote Armee sei auf den deutschen Angriff völlig unvorbereitet gewesen. Weiterhin gab die Beschäftigung mit der These Anlass zur genaueren Untersuchung des Charakters des Unternehmens „Barbarossa“ in der deutschen Geschichtswissenschaft in den Achtziger und Neunziger. Nach Ansicht des Historikers Wolfram Wette wurde im Zuge diese Prozesses die bis dahin „keineswegs unstrittige“ Präventivkriegsthese widerlegt. Der Krieg gegen die Sowjetunion sei von Beginn an als Vernichtungskrieg geplant gewesen.[6]

Vertreter der Präventivkriegsthese Bearbeiten

Zu den Hauptvertretern der Präventivkriegsthese gehören in Deutschland Joachim Hoffmann, Werner Maser und Stefan Scheil, in Österreich Heinz Magenheimer und Ernst Topitsch; in Russland vor allem Viktor Suworow (in populärwissenschaftlicher Form), aber auch einige akademische Historiker in Russland (siehe unter #Stand der Debatte in Russland).

Kritiker Bearbeiten

Als Kritiker der Präventivkriegsthese treten in Deutschland vor allem Bianka Pietrow-Ennker (Universität Konstanz), Gerd R. Ueberschär und Wolfram Wette (beide Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr) in Erscheinung.

Auf internationaler Ebene haben sich unter anderem Gabriel Gorodetsky und David M. Glantz kritisch mit der These beschäftigt, in Russland R.A. Medvedew.[7] Gorodetsky gilt als einer der vehementesten Kritiker der Präventivkriegsthese. Als erster westlicher Historiker trat er 1986 den Thesen Suworows, die dieser in der Zeitschrift des Royal United Services Institute for Defence Studies (RUSI) geäußert hatte, entgegen. Die Kritik des Oxford-Doktors und Leiter des Cummings-Center for Russian and Eastern European Studies an der Universität Tel Aviv richtet sich vor allem gegen den Versuch Suworows, unter anderem die militärischen Vorbereitungen der Sowjetunion losgelöst vom politischen Kontext zu betrachten. Diesen Kontext hat der Schüler Edward Hallett Carrs in seinem Buch „Die Große Illusion“, das auch als „Anti-Suworow“ verstanden werden kann, eingehend untersucht.

Stand der Debatte in Russland Bearbeiten

Der Schwerpunkt der Debatte hat sich seit Mitte der 1990er Jahre nach Osten, vor allem nach Russland verlagert, wo die Bücher Suworows das Interesse weckten, und Zeitzeugen, Literatur und Dokumentenfunde Hinweise lieferten, die das einschlägige stalinistische Geschichtsbild ins Wanken brachten. Im Mittelpunkt des Interesses der Forscher stehen zurzeit die operativen Planungen des sowjetischen Generalstabes in den Jahren 1940/41. Diesbezüglich wurden in der russischen „Kriegsgeschichtlichen Zeitschrift“ (Ausgaben 12/1991, 1/1992;2/1992) sowie teilweise auch in Alexander Jakowlew> vier Aufmarsch- und Angriffspläne veröffentlicht, die den Stand der operativen Planungen der Roten Armee im Juli 1940, vom 18. September 1940 und vom 11. März 1941 widerspiegeln, bzw. offensichtlich den Endentwurf des Aufmarsch- und Angriffsbefehles (Mitte Mai 1941) darstellen.

Auch die russischen Militärhistoriker W. D. Danilow und Juri Gorkow publizierten das Dokument von Mitte Mai mit der Überschrift „Überlegungen zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündeten“.[8] Ein Auszug:

Wenn man in Betracht zieht, daß Deutschland sein gesamtes Heer einschließlich rückwärtiger Dienste mobilisiert hat, so besteht die Möglichkeit, daß es uns beim Aufmarsch zuvorkommt und einen Überraschungsschlag führt.
Um das zu verhindern und die deutsche Armee zu zerschlagen, halte ich es für notwendig, dem deutschen Oberkommando unter keinen Umständen die Initiative zu überlassen, dem Gegner beim Aufmarsch zuvorzukommen und das deutsche Heer schon dann anzugreifen, wenn es sich im Aufmarschstadium befindet und noch keine Front aufbauen sowie den Kampf der verbundenen Waffen noch nicht organisieren kann
-„Überlegungen zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündete“ [9]

Während die Mehrheit der westlichen Historiker, die diese Dokumente und insbesondere den „Endentwurf“ untersucht haben, davon ausgehen, dass es sich um in aller Eile und ohne Wissen Stalins erstellte Entwürfe handelte, sieht es eine Mehrheit der russischen Forscher anders. Sie weisen darauf hin, dass alle vier Dokumente vom Verteidigungsminister und vom jeweiligen Generalstabschef unterzeichnet sind und den Vermerk: „Besonders wichtig-Streng geheim-Nur persönlich“ tragen. Danilow und Neweschin halten es überdies für ausgeschlossen, dass es die sowjetische Militärspitze gewagt hätte, einen derart detaillierten Entwurf ohne Stalins Auftrag in Teamarbeit vorzubereiten. Als weiterer Nachweis für die Authentizität dieser Dokumente wird von Neweschin[10] das Faktum angeführt, dass die Dislokation der Truppen im „Endentwurf“ weitgehend deckungsgleich mit der Dislokation der Truppen zu Kriegsbeginn ist. Danilow zufolge werde diese Behauptung auch von einem Interview Wasiljewskijs bestätigt. Zu ähnlichen Schlüssen kommt Michail I. Meltjuchow.[11] Meltjuchow argumentiert in seinem Buch Die verlorene Chance Stalins, dass der Plan Deutschland anzugreifen, bereits vor dem Mai 1941 gefasst worden war und die Grundlage der sowjetischen Militärplanung von 1940 bis 1941 war. Meltjuchow behauptet, dass fast keine echten bedeutenden sowjetischen Verteidigungspläne gefunden wurden, während es jedoch verschiedene Versionen des Angriffsplanes gibt. (Meltjuchow, S.375). Laut Meltjuchow wurde die erste Version bald nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 aufgesetzt, die letzte Version um den 1. Mai 1941 (Meltjuchow, S. 370-372). Laut dieses Angriffsplans wurde auch die Aufstellung der Truppen gewählt, so Meltjuchow.

Bei Boris Sokolow ist Ähnliches zu finden. Beispielsweise erläutert Sokolow, dass das sowjetische Politbüro im Juni 1941 beschloss, in der UdSSR polnische Truppen zu formieren. Diesen Truppen sollten auch „andere polnischsprachige Menschen der Sowjetunion“ angehören; ähnliche ‚finnische Truppen‘ wurden vor dem sowjetischen Angriff auf Finnland (Winterkrieg) formiert. Auch vergleicht Sokolow die behaupteten ‚Gegenschlagpläne‘ der Sowjetunion mit dem sowjetischen Aggressionplan gegen Finnland 1939, der auch offiziell als ein Entwurf zur Sicherung der Staatsgrenze und eines Gegenschlags im Falle einer finnischen Aggression vorbereitet wurde, obwohl kaum jemand vermuten konnte, dass Finnland in der Lage gewesen wäre, die Sowjetunion anzugreifen.

In einer ausführlichen Analyse der unterschiedlichen Aspekte der Leistungsfähigkeit der Rote Armee weist der stellvertretende Leiter des Institutes für Militärgeschichte Jurij Kirsin auf die gravierenden Defizite bei der Ausrüstung und dem allgemeinen Ausbildungsniveau im Jahr 1941 hin. Er zeigt damit auf, in welchem geringem Umfang die Rote Armee zu einer aktiven Kriegsführung bereit war.

Vermutlicher Ablauf Bearbeiten

Aus dem von den sowjetischen und israelischen Historikern beigebrachten Quellen und ausgewerteten sowjetischen Archivalien lässt sich folgender Ablauf rekonstruieren:

  • 18. Dezember 1940: Der Barbarossabefehl geht an die deutschen Stäbe
  • 23.-31. Dezember 1940: Strategiekonferenz im Kreml (Teilnehmer: Politbüro, Militärspitzen); die Militärs tragen ihre Ansichten zur Reaktion auf Barbarossa vor. Beschlossen wird der kompromisslose Überraschungsangriff, die Zerschlagung der deutschen Bereitstellung und die Fortführung des Angriffes in die Tiefe. Die Hauptstoßrichtung soll in Planspielen ermittelt werden.
  • 29. Dezember 1940: Rudolf von Scheliha unterrichtet den sowjetischen Militärattaché in Berlin General Tupikow über Hitlers Weisung Nr. 21, die den Befehl zur Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion enthielt.
  • 2.-4. Januar 1941: Planspiel Nr 1.; Ablauf: GO Pawlow greift vergeblich GO Schukow in Ostpreußen an.
  • 8.-10. Januar 1941: Planspiel Nr 2.; Ablauf: GO Schukow greift GO Pawlow erfolgreich südlich des Prypjat an. Diese Stoßrichtung wird als Grundlage für den Angriffsbefehl verwendet
  • 11. März 1941: Erstellung (und Vorlage an Stalin ?) eines 1. (oder weiteren) Befehlsentwurfes für den Angriff. Beginn (oder Fortsetzung) der Umsetzung logistischer Maßnahmen.
  • Mitte Mai 1941: Erstellung des endgültigen Befehlsentwurfes für den Angriff und Vorlage an Stalin, Bestätigung der Vorlage durch GL Wassilewski, Aufmarsch der Truppen beginnt

Literatur Bearbeiten

  • Wigbert Benz: „Die Lüge vom deutschen Präventivkrieg 1941.“ In: Geschichte lernen: Legenden – Mythen – Lügen. H.52 (1996). Friedrich-Verlag in Zusammenarbeit mit Klett, S.54-59
  • Wigbert Benz: Die Präventivkriegsthese. Zu Ursachen und Charakter des „Unternehmens Barbarossa“ 1941.
  • Lew Besymenski: Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren. Aufbau-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-351-02539-4.
  • David M. Glantz: Stumbling Colossus. The Red Army on the Eve of World War. University Press of Kansas, Lawrence 1998, ISBN 0-7006-0879-6 .
  • David M. Glantz: "The Initial Period of War on the Eastern Front. 22 June-August1941. Proceedings of the Fourth Art of War Symposium. Garmisch, FRG, October 1987, Frank Cass, London, 1987.
  • David M. Glantz: Soviet Military Operational Art. In Pursuit of Deep Battle. Frank Cass, London, 1990, besonders S. 88 ff.
  • David M. Glantz: The Military Strategy of the Soviet Union. A History. Frank Cass, London, 1992, besonders S. 55-131.
  • Gabriel Gorodetsky: Die große Täuschung. Hitler, Stalin und das Unternehmen „Barbarossa“. Siedler, Berlin 2001, ISBN 3-88680-709-6 .
  • Joachim Hoffmann: Die Sowjetunion bis zum Vorabend des deutschen Angriffs. In: Horst Boog et. al. Der Angriff auf die Sowjetunion, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06098-3, S.38-97 („Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, Band 4, Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt)
  • Joachim Hoffmann: Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945. Planung, Ausführung und Dokumentation. 6. Auflage, Herbig, München 2000, ISBN 3-7766-2079-X
  • Martin Kunde: Der Präventivkrieg. Geschichtliche Entwicklung und gegenwärtige Bedeutung. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007. (Rezension des Buches: [12])
  • Werner Maser: Der Wortbruch. Hitler, Stalin und der Zweite Weltkrieg. Olzog Verlag, München 1994, ISBN 3-7892-8260-X
  • Werner Maser: Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin, Olzog Verag, München 2004, ISBN 3-7892-8134-4
  • David E. Murphy: What Stalin Knew. The Enigma of Barbarossa. Yale University Press: New Haven, London 2005, ISBN 0-300-10780-3.
  • Andreas A. Naumann: Freispruch für die Wehrmacht, Grabert-Verlag, Tübingen 2005, ISBN 3-87847-215-3 .
  • Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 2000, ISBN 3-596-14497-3.
  • Constantine Pleshakov: Stalin's Folly: The Tragic First Ten Days of World War Two on the Eastern Front, 2005, ISBN 0-618-36701-2
  • Walter Post: Unternehmen Barbarossa. Deutsche und sowjetische Angriffspläne 1940/41, Mittler E.S. + Sohn 1995, ISBN 3-8132-0481-2
  • R. C. Raack: Stalin's Role in the Coming of World War II In: World Affairs Vol. 158, No. 4.
  • Stefan Scheil: Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. 3. Auflage, Duncker & Humblot, Berlin 2006, ISBN 978-3-428-12330-8 .
  • Stefan Scheil: 1940/41. Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs Olzog Verlag, München 2005, ISBN 3-7892-8151-4
  • B. Sokolow: ????????? ?? ?????? ??????? ?? ????????
  • Viktor Suworow: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, ISBN 3-608-91511-7
  • Ernst Topitsch: Stalins Krieg. Moskaus Griff nach der Weltherrschaft. Strategie und Scheitern. Herford 1993, ISBN 3-512-03112-9
  • Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese Primus-Verlag, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-084-0. (der Band enthält alle wichtigen Dokumente)
  • Barton Whaley: Codeword Barbarossa Cambridge, Massachusetts 1974, ISBN 0-262-73038-3, S. 174.
  • Oleg Wischljow: Zu militärischen Absichten und Plänen der UdSSR im Sommer 1941. In: Babette Quinkert (Hrsg.): „Wir sind die Herren dieses Landes“. Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. VSA-Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-87975-876-X, S.44-54.
  • Bernd Wegner: Präventivkrieg 1941? Zur Kontroverse um ein militärhistorisches Scheinproblem. In: Jürgen Elvert, Susanne Krauß (Hrsg.): Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Essen 2001 (Jubiläumstagung der Rankegesellchaft), ISBN 3-515-08253-0, S. 206-219

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