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Sechs Tage nach dem Attentat auf Philipp Scheidemann, am 10. Juni 1922, erschien im Kassler Gewerkschaftshaus der stellungslose Gärtner Thodor Brüdigam aus Frankfurt am Main, der sich "zwecks der Aufdeckung des Attentats zur Verfügung" stellen wollte. Zwei Tage später gab er im Kasseler Rathaus unter Anwesenheit eines Berliner Kriminalpolizisten zu Protokoll, dass er mit einer rechtsstehenden Geheimorganisation in Verbindung stehe, die Scheidemann und Rathenau umbringen will.

Darstellung BrüdigamsBearbeiten

Brüdigam, ein durch den Krieg entwurzelter Soldat, war in der Revolutionszeit zwischen Linkem und Rechten Lager geschwankt, bis ein Kontaktmann ihn als Informant über die Linksparteien für deutschvölkischen Kreise anworb. Brüdigam wandte sich daraufhin an zwei Redakteure der sozialdemokratischen Volksstimme, denen er sich als Spitzel anbot. Mit der Zustimmung der Redakteure und Rückversicherung beim Frankfurter Polizeipräsidenten ging er auf das Angebot ein.

Am 3. Mai 1922 wurde Brüdigamm mit Empfehlungsschreiben zu Karl Tillessen geschickt, welcher als ein Dratzieher in der Rechtsradikalen Szene über Frankfurt hinaus galt. Karl Tillessens gab sich aufgrund des Empfehlungsschreibens vertraut, er zeigte Brüdigamm ein Foto und soll gesagt haben "Das ist mein Brüderchen [ Heinrich Tillessen ], der hat das erste Schwein [ Matthias Erzberger ] gekillt!"

Brüdigam erfuhr das es in Deutschland eine von München geführte Geheimorganisation gebe, die sich der Befreiung des Vaterlandes von außen- und innenpolitischer Bedrückung verschrieben hätte. Tillessen beorderte Brüdigam anschließend nach München zum Offizier Alfred Hoffmann, dem Stabscheff der Organisation. Hoffmann eröffnete Brüdigam das die Organisation von einem verborgenen Chef geleitet werde, der nur als "Consul" bezeichnet würde, daher leite sich der Name: "Organisation Consul" kurz "O.C.". Ziel sei der Umsturz der Reichsregierung, für diesen Zweck würden prominente Vertreter des Weimarer Systems ermorden "um möglicherweise einen Umsturz von links hervorzurufen, damit es [...] der Organisation C möglich wäre, ihrerseits dann die Militärdiktatur zu errichten". Am nächsten Tag, den 5. Mai 1922, erhielt Brüdigam Geld zur Deckung seiner Unkosten und eine Ansichtskarte des Münchener Marienturms als Erkennungszeichen für eventuelle schriftliche Mitteilungen. Bei dieser Gelegenheit soll Hoffmann zu Brüdigam gemeint haben: "nachdem nun Erzberger erledigt sei, kämen vielleicht Walther Rathenau und Scheidemann in Betracht"

In der folgenden Zeit erledigte Brüdigam Kurieraufträge in Berlin und Frankfurt. Am 27. Mai wurde er in Berlin gefragt ob ihm Scheidemann bekannt sei und ob er das Gewerkschaftshaus in Kassel kenne. Als er das bejahte erhielt er den Auftrag einen Herren nach Kassel zu begleiten und ihn über die Verhältnisse der Linkspartei zu informieren. Brüdigam glaubte nun das ein Attentat kurz bevorstand und versuche Scheidemann, den Kassler Oberbürgermeister, zu warnen. Er verließ seinen Begleiter unter einem Vorwand in Kassel und versuchte mit Scheidemann im Gewerkschaftshaus in Kontakt zu treten. Scheidemann erinnerte sich später, "daß in der Nacht des 27. Mai aus dem Gewerkschaftshause bei ihm angerufen und er um eine sofortige Unterredung mit einem Fremden gebeten worden sei, daß er aber, da er einen Schabernack seiner Gegner vermutet hätte, den Hörer eingehängt habe".

Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit versuchte Brüdigam sich Gehör zu verschaffen. Er wandte sich am selben Abend an den Kassler Parteisekretär und am folgenden Morgen seine Auftraggeber von der Frankfurter Volksstimme. Dennoch wurden seine Angaben zunächst nicht ernst genommen, erst später stellte sich heraus das Brüdigam seine Angaben bereits mindestens eine Woche vor dem Attentat auf Scheidemann dem Frankfurter Polizeipräsidenten Ehrler weitergegeben hatte.

FolgenBearbeiten

Brüdigams Aussage wurde mit dem Attentat auf Scheidemann für die Behörden sehr brisant. Der Kassler Oberstaatsanwalt äußerte den "Verdacht, daß es sich bei dem zweiffellos ernstgemeinten Anschlag nicht um die Tat eines einzelnen Feindes des Überfallenen, sondern um das Komplott eines Geheimbundes [...] handel könne" und bereitete den Antrag auf Verhaftung von drei Verdächtigen, Alfred Hoffmann, Friedrich Wilhelm Heinz und Karl Tillessen vor.

Brüdigam kehrte auf Erlaubnis der Kassler Polizei nach Frankfurt zurück und wurde am 14. Juni unter Polizeischutz gestellt. Zwei Tage später (Freitag) erschien er unangemeldet im Amtsgericht in Frankfurt, weil er eine dringende Mitteilung zu machen habe, aber der Amtsrichter Dr. Thormayer lehnte wegen der Überlastung des Gerichts ab und machte ihm einen Termin für Montag. Vergeblich protestierte der Kassler Oberstaatsanwalt Dr. Noetzel "Die Vernehmung und Beeidigung ist von ausschlaggebender Bedeutung für das Fortführen des Verfahrens in der Attentatssache [Scheidemann]. Brüdigman belastet mehrere genau bekannte Personen so erheblich, daß im Falle seiner Beeidigung die Voruntersuchung gegen diese Personen und ihre alsbaldige Verhaftung geboten sein würde."

Am 19. Juni wartet der Amtsrichter vergeblich auf Brüdigam, dieser hatte offenbar aus Angst die Nerven verloren und war untergetaucht.

Dies nährte Zweifel an Brüdigams Aussage, es wurde spekuliert er sei ein Spitzel der auf beiden Seiten abkassiere, oder gar ein Spitzel der Rechten, wodurch seine Aussage für einen Prozess, der möglicherweise spätere Morde wie an Walter Rathenau verhindert hätte, unbrauchbar wurde

Letzte AussageBearbeiten

Die letzte Aussage über seine Verbindungen machte Brüdigam über den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. An diesen sollen auch Informationen über ein Mordkomplott gegen Rathenau gelangt sein, weshalb man Brüdigam am 15. Juni mit einem kleinen Honorar verpflichtete weiterhin der O.C. zu Diensten zu sein. Nach dessen Angaben ist Brüdigam am 14. Juni mit Karl Tillessen, und zwei weiteren O.C.-Männern zusammengetroffen, kurz bevor man ihn unter polizeiliche Bewachung stellte. Brüdigam war sich zu Tillessen sicher: "Für sich sähe er keinen anderen Ausweg mehr, als 'eine Kugel Rathenau durch den Kopf und eine zweite sich selbst durchs Herz zu schießen"

Rathenau starb 10 Tage später.

Es ist unbekannt ob die Informationen des Centralvereins Rathenau erreichten. Es wird z.T. sowieso davon ausgegangen, dass eine solche Information aus nicht-staatlicher Quelle den Minister, der dauernd Morddrohungen erhielt, nicht sonderlich schreckten.

Von offiziellen Stellen drangen keine Informationen über Brüdigams Aussage an die Öffentlichkeit und erreichten auch nicht Rathenau selbst.

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