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Als Tonkin-Zwischenfall (auch Tonking-) bezeichnet man die Ereignisse im Golf von Tonkin vor der Küste des damaligen Nordvietnam im August 1964, bei denen ein US-amerikanisches Kriegsschiff angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt wurde. Der Zwischenfall wurde von der amerikanischen Regierung von Lyndon B. Johnson als Vorwand für die offizielle Beteiligung der USA an den damals stattfindenden Feindseligkeiten zwischen den beiden Landesteilen benutzt, die sich in der Folge zum Vietnamkrieg (1964-1975) ausweiteten.

1971 veröffentlichte der Pentagon-Mitarbeiter Daniel Ellsberg einen als Pentagon-Papiere bekannt gewordenen Bericht, der die Darstellung des Zwischenfalls durch die frühere Regierung als bewusste Falschinformation entlarvte. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings der Krieg in Vietnam und die amerikanische Beteiligung bereits ihren Höhepunkt erreicht. Am 30. November 2005 gab der US-Geheimdienst NSA geheime Dokumente frei und bestätigte damit indirekt, aber offiziell, dass der Vietnamkrieg infolge einer Falschmeldung an Präsident Johnson begann.

AblaufBearbeiten

Die Vereinigten Staaten hatten zu Beginn der 1960er Jahre die Unterstützung für ihre südvietnamesischen Verbündeten erheblich verstärkt. Dies betraf unter anderem die Lieferung von Schnellbooten an Südvietnam sowie die Ausbildung der Besatzungen und Unterstützung bei Sabotageakten und Terroranschlägen durch die CIA (so genannte 34-A-Operationen). Die Schiffe wurden für Kommandounternehmen an der nordvietnamesischen Küste eingesetzt. Einheiten der 7. US-Flotte führten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs routinemäßig Operationen in den Gewässern des Südchinesischen Meeres durch.

Zwischenfall vom 2. AugustBearbeiten

Unmittelbar vor dem Tonkin-Zwischenfall, am 30. Juli, hatten südvietnamesische Einheiten die Inseln Hon Ngu und Hon Mo beschossen. Am Morgen des 31. Juli 1964 fuhr der US-amerikanische Zerstörer USS Maddox auf Erkundungsfahrt in den Golf von Tonkin ein. Das Ziel dieser Fahrt war allem Anschein nach die Gewinnung von Aufklärungsdaten über nordvietnamesische Radaranlagen und Militäreinrichtungen im Zielgebiet der südvietnamesischen Marineoperationen. Die Präsenz eines US-Kriegsschiffes sollte die nordvietnamesische Küstenwache zu Reaktionen provozieren, die von der National Security Agency (NSA) aufgezeichnet und anschließend vom US-Verteidigungsministerium analysiert werden konnten. Die Maddox blieb dabei nach amerikanischen Angaben außerhalb der international anerkannten Zwölfmeilenzone, diese Darstellung ist allerdings umstritten. Südvietnamesische Schnellboote näherten sich bei ihrer Rückkehr von Hon Me und Hon Ngu auf sieben Kilometer der Maddox, sodass die nordvietnamesische Abwehr den Eindruck haben konnte, sie böte den Südvietnamesen vor etwaigen Verfolgern Feuerschutz.

Am Abend des 1. August näherte sich der Zerstörer Hon Me, wo noch die Folgen des Anschlages bewältigt wurden. Die an Bord befindlichen Abhörexperten der NSA berichteten von offensichtlichen Vorbereitungen seitens der nordvietnamesischen Marine, den Zerstörer anzugreifen. Am Mittag des 2. August traf die bereits auf Gefechtbereitschaft stehende Maddox bei ihrer Fahrt entlang der Küste auf drei nordvietnamesische Schnellboote. Deren Versuche, den Zerstörer zu umkreisen und vor der Küste zu stellen, misslangen jedoch. Die Maddox fuhr auf offene Meer hinaus und forderte umgehend Luftunterstützung von dem in der Nähe befindlichen Flugzeugträger USS Ticonderoga an, wo sich einsatzbereite Angriffsflugzeuge bereits in der Luft befanden. Nach amerikanischer Darstellung wurde eines der Schnellboote manövrierunfähig geschossen und die beiden anderen beschädigt, während die Maddox angeblich mehreren Torpedos ausweichen konnte und nur leichte Treffer durch Maschinengewehrfeuer hinnehmen musste. Daraufhin zog sich das Schiff aus den Gewässern zurück.

Die Nachricht von diesen ersten Auseinandersetzungen traf umgehend in Washington ein. Präsident Johnson lehnte eine militärische Vergeltung ausdrücklich ab und reagierte lediglich mit einer Protestnote an Nordvietnam.

Zwischenfall vom 4. AugustBearbeiten

Kapitän Herrick von der Maddox hatte nach dem Vorfall das Gebiet eigentlich verlassen wollen, wurde aber von seinen Vorgesetzten im Pentagon angewiesen, weiterhin Stellung zu beziehen. Durch die Hinzunahme eines zweiten Zerstörers, der USS Turner Joy, sollte die unterbrochene Mission fortgesetzt werden. Obschon den Verantwortlichen in Washington bewusst war, dass der Angriff auf die Maddox mit der Operation auf Hon Ngu und Hon Me im Zusammenhang stand, wurde ein erneuter Angriff durch ein südvietnamesisches Kommando gestartet. Am 3. August wurden erstmalig Ziele auf dem Festland angegriffen.

In Washington verhandelten unterdessen Präsident Johnson und sein Verteidigungsminister Robert McNamara über das weitere politische Vorgehen. Dabei ging es vor allem darum, wie weit der US-Kongress über die Hintergründe der durch die Medien bekannt gewordenen Vorfälle um die Maddox informiert werden sollte. Johnson wies McNamara schließlich an, das Parlament auch von der Unterstützung für die Schnellbootoperationen gegen Nordvietnam zu unterrichten. Allerdings sei es wichtig zu betonen, dass die Nordvietnamesen zuerst angegriffen hätten. Außerdem betonte Johnson, dass die Aufklärungsoperationen fortgesetzt werden sollten. Auch als McNamara Johnson wenige Stunden später auf der Grundlage von durch den NSA abgehörtem nordvietnamesischem Funk über einen vermutlich bevorstehenden erneuten Angriff auf das Schiff unterrichtete, blieb der Präsident bei dieser Anweisung. McNamara empfahl, auf einen zweiten Angriff mit Vergeltungsschlägen zu antworten.

Eine Stunde später, am Abend des 4. August gab McNamara eine Meldung von Admiral Graham Sharp, Kommandeur der Einsatzgruppe Pazifik, an Johnson weiter, wonach die beiden Schiffe weiter südlich unter erneutem Torpedobeschuss lägen. Auf die Nachfrage des Präsidenten konnte er die Angreifer aber nicht genau identifizieren, erklärte aber, dass die Torpedos vermutlich von nordvietnamesischen Schiffen kämen. In seinen Memoiren schrieb der Verteidigungsminister später, dass er trotz mehrfacher Nachfrage keine exakten Informationen aus dem Einsatzgebiet bekommen und sich auf eine gleichlautende Einschätzung Sharps verlassen habe. Woher diese Einschätzung kommt, ist bis heute umstritten. Möglicherweise stützte Sharp sich lediglich auf die NSA-Berichte vom Nachmittag. In historischen Untersuchungen des NSA-Historikers Robert Hanyok aus dem Jahr 2001 wurden diese Berichte als "gefälscht" bezeichnet. NSA-Mitarbeiter hätten gezielt einen Bericht "produziert", der auf einen zweiten Angriff habe hinweisen sollen, um eigene zuvor gemachte Fehler zu vertuschen.

Wenige Stunden später gab Johnson den Befehl zu Vergeltungsschlägen mit Luftangriffen auf nordvietnamesische Hafenanlagen und Flugabwehrstellungen.

Am 5. August wurden von etwa 30 trägergestützten Flugzeugen Angriffe auf nordvietnamesische Marinestützpunkte in Hon Gay, Loc Tschad, Phuc Loi, Vinh und Quang Khe durchgeführt. Kurz vor dem Beginn der Bombardierung hatte Präsident Johnson in einer Fernsehansprache die Angriffe angekündigt, wobei er sich auf das Recht der Verteidigung gegen unprovozierte nordvietnamesische Angriffe berief.

Spätere Aussagen von Beteiligten lassen darauf schließen, dass am 4. August kein Gefecht stattgefunden hatte bzw. dass die Maddox und die Turner Joy auf nicht vorhandene Gegner gestoßen waren. Allerdings sind auch nach der Veröffentlichung von Hanyocs zunächst geheimgehaltenen Untersuchung im Herbst 2005 nicht alle Akten über den Tonkin-Zwischenfall für die Allgemeinheit zugänglich.

Tonkin-ResolutionBearbeiten

Präsident Lyndon B. Johnson, der im selben Jahr wiedergewählt werden wollte, nutzte den Zwischenfall, um die US-amerikanische Beteiligung am Vietnamkrieg zu legitimieren. Verteidigungsminister Robert McNamara stritt vor dem US-Kongress einen Zusammenhang mit den südvietnamesichen Kommandos ab und bezeichnete die nordvietnamesischen Angriffe daher als unprovoziert. Am 7. August verabschiedete der Kongress die Tonkin-Resolution. Diese gab der US-Regierung die Vollmacht, "alle notwendigen Schritte zu unternehmen, einschließlich des Gebrauchs bewaffneter Gewalt, um jedes Mitglied ... des Südostasiatischen Kollektiven Verteidigungsvertrages ... in der Verteidigung seiner Freiheit" zu unterstützen. Die Resolution wurde im Repräsentantenhaus mit 416 zu 0, im US-Senat mit 88 gegen 2 Stimmen angenommen. Damit konnte die US-Regierung Truppen nach Vietnam entsenden, ohne offiziell eine Kriegserklärung aussprechen zu müssen. Ein Mitarbeiter im State Department bezeichnete dies als das "funktionale Äquivalent einer Kriegserklärung".

siehe auchBearbeiten

Weblinks Bearbeiten

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